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BALLADE VOM ANGENEHMEN LEBEN (Bertold Brecht)

 

Ihr Herrn, urteilt jetzt selbst: ist das ein Leben?

Ich finde nicht Geschmack an alledem

Als kleines Kind schon hörte ich mit Beben:

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

 

Da preist man uns das Leben großer Geister

Das lebt mit einem Buch und nichts im Magen

In einer Hütte, daran Ratten nagen.

Mir bleibe man vom Leib mit solchem Kleister!

Das simple Leben lebe, wer da mag!

Ich habe (unter uns) genug davon

Kein Vögelchen, von hier bis Babylon

Vertrüge diese Kost nur einen Tag.

Was hilft da Freiheit, es ist nicht bequem

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

 

Die Abenteurer mit dem kühnen Wesen

Und ihrer Gier, die Haut zu Markt zu tragen 

Die stets so frei sind und die Wahrheit sagen

Damit die Spießer etwas Kühnes lesen

Wenn man sie sieht, wie das am Abend friert

Mit kalter Gattin stumm zu Bette geht

Und horcht, ob niemand klatscht und nichts versteht

Und trostlos in das Jahr fünftausend stiert.

Jetzt frag ich Sie nur noch: ist das bequem?

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

 

Ich selber könnte mich durchaus begreifen

Wenn ich mich lieber groß und einsam sähe

Doch sah ich solche Leute aus der Nähe

Da sagt ich mir: das mußt du dir verkneifen.

Armut bringt außer Weisheit auch Verdruß

Und Kühnheit außer Ruhm auch bittre Mühn.

Jetzt warst du arm und einsam, weis und kühn

Jetzt machst du mit der Größe aber Schluß.

Dann löst sich ganz von selbst das Glücksproblem:

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

 

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben

Und Sünd und Missetat vermeiden kann

Zuerst müßt ihr uns schon zu fressen geben

Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

Ihr, die ihr euren Wanst und unsere Bravheit liebt

Das Eine wisset ein für allemal:

Wie ihr es immer dreht und immer schiebt

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Erst muß es möglich sein auch armen Leuten

Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

 

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich

Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.

Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich

Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.

 

Ihr Herren bildet euch nur da nichts ein:

Der Mensch lebt nur von Missetat allein.

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben

Und ihre Augen einwärts drehen kann?

Zuerst müßt ihr uns schon zu fressen geben

Dann könnt ihr reden: damit fängt es an!

 

Ihr, die auf unsere Scham und eure Lust besteht

Das eine wisset ein für allemal:

wie ihr es immer schiebt und immer dreht

zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Erst muß es möglich sein, auch armen Leuten

vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

 

Denn wovon lebt das Mensch? indem es stündlich

Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.

Denn nur so lebt das Mensch, daß es so gründlich

Vergessen kann, daß es ein Mensch doch ist.

Ach, bildet euch ihr Herren da nichts ein:

Der Mensch lebt nur von Missetat allein.

 

Der Mensch lebt durch den Kopf.

Sein Kopf reicht ihm nicht aus.

Versuch es nur, von deinem Kopf lebt

höchstens eine Laus.

Denn für dieses Leben

ist der Mensch nicht schlau genug.

Niemals merkt er eben diesen Lug und Trug.

 

Ja, mach nur einen Plan! sei nur ein großes Licht!

Und mach dann noch 'nen zweiten Plan! Gehn tun sie beide nicht.

Denn für dieses Leben‚ ist der Mensch nicht schlecht genug.

sein höhres Streben ist ein schöner Zug.

 

Ja, renn nur nach dem Glück

Doch renne nicht zu sehr

Denn alle rennen nach dem Glück

Das Glück rennt hinterher.

Denn für dieses Leben

ist der Mensch nicht anspruchslos genug.

Drum ist all sein Streben

Nur ein Selbstbetrug.

 

Der Mensch ist gar nicht gut

Drum hau ihm auf den Hut.

Hast du ihm auf den Hut gehaun

Dann wird er vielleicht gut.

 

Denn für dieses Leben

Ist der Mensch nicht gut genug

Darum haut ihm eben

Ruhig auf den Hut!

 

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